
Das habe ich noch nicht erlebt: ein singendes Orchester. Geschehen im Gasteig in München. Zu Gast war das Budapest Festival Orchestra unter der Leitung von Iván Fischer. Auf dem Programm: Dvorák und Beethoven. Los geht es ganz sanft mit der „Legende“ und ich stelle mich auf eine weitere gemütliche Berieselung ein. Doch dann stehen alle Musiker auf und formieren sich neu- im Stehen, ohne ihre Instrumente und nur mit Notenheften in der Hand. Ich setze mich wieder gerade hin, denn das ganze sieht so gar nicht nach der Ankündigung im Programm aus. Dort steht unter dem Titel „Abendlied“: Orchesterbearbeitung. Doch diese Bearbeitung lässt den ganzen Saal erst einmal ungläubig starren, denn die Musiker beginnen das Stück im Chor A-Capella zu singen! Und sie singen in einer Perfektion mit so klaren und schönen Stimmen, dass ich schon nach wenigen Noten vergesse, dass sie gerade noch Instrumente gespielt haben. Offenbar bin ich nicht die einzige im Saal, die völlig überrumpelt ist. Denn nachdem der letzte Ton verklungen ist, dauert es ungewöhnlich lange, bis der Applaus beginnt. Dafür ist er um so frenetischer; einmal wegen der fabelhaft gelungenen Überraschung, zum anderen, weil der Gesang so unglaublich schön war. Man mag sich eine Zugabe wünschen- doch in dem Moment betritt der Solist András Schiff die Bühne (übrigens ein hochpolitischer Künstler mit einer bemerkenswerten Biografie). Und nach wenigen Sekunden erklingt Beethoven in einer so fröhlichen und lustvollen Version, dass ich sofort fasziniert bin. Dieser Pianist spielt so anders als Katja Buniatishvili (die ich kurz zuvor an derselben Stelle einmal wieder bewundern durfte), so präzise, so genau, so rein und doch mit so viel Freude am eigenen Spiel. Am meisten beeindruckt mich immer wieder diese Simultaneität der beiden Hände, die völlig unterschiedliche Melodien gleichzeitig spielen können, um sie am Ende doch wieder zu einer zu vereinen. Ganz besonders an diesem Abend war aber die gefühlte Leichtigkeit im Zusammenspiel von Solist und Orchester. Man konnte spüren, wie sich beide blind aufeinander verließen und sich in völliger Harmonie die melodischen Bälle zuwarfen. Schiff, der auch als Dirigent auf der Bühne steht, erspürt das Spiel des Orchesters auch aus dieser Perspektive erspüren und kann die Musiker präzise einschätzen. Pianist und Orchester bildeten in allen Passagen eine perfekte Einheit. Die Musiker hörten seinen Solopassagen gebannt zu, als würden sie seine Interpretation so zum ersten Mal hören, und er ging mit den Passagen der Musiker so mit, dass er ein paarmal fast mit schnippte. Offenbar ist dieses Orchester dafür bekannt, neue unkonventionelle Wege einzuschlagen und immer wieder auch musikalische Entdeckungsreise zu gehen. Schön, wenn ein klassisches Konzert auf diese Weise noch solch grandiosen Überraschungen parat hat.
