Als ich in meinem Freundeskreis leise verkündete, dass ich nach Beirut reisen würde, kamen Reaktionen wie: „Ah, Bayreuth, bist du auch Wagner-Fan?“ oder: „Seit wann kann man von München nach Bayreuth fliegen?“ Als ich verbesserte, dass es nach Beirut im Libanon ginge, kam nur eine Reaktion: „Ist das nicht viel zu gefährlich?“ Antwort: „Eindeutig NEIN!“ Es gab keinen Moment, in dem wir uns nur ansatzweise unwohl fühlten. Einmal, als es abends anfing zu knallen, wurden wir nervös. Aber dann erfuhren wir, dass dort die Studenten am Strand ihre bestandenen Graduations mit Feuerwerkskörpern feierten. Überhaupt: feiern kann man in dieser Stadt! Allein die Restaurants und Rooftop-Bars und -Clubs lassen keinen Wunsch offen…

Aber ich schweife ab. Was für ein Land! Selten habe ich eine solche Gastfreundschaft, Offenheit und nicht-berechnende Freundlichkeit erlebt. Die Vielfalt an Religionen und Lebenseinstellungen ist beeindruckend an jeder Strassenecke zu beobachten. Dabei ist Beirut selbst rein optisch leider nicht mehr „Das Paris des Orients“. Was zerbombt wurde, musste Hochhäusern weichen, die Mieten in der Innenstadt sind so hoch, dass die geleckten Neubauten seelenlos wirken und ein „Bummel“ ist auch schwierig, wenn man nicht genau weiß, wohin man fahren muss. Das Interessanteste in dieser Stadt ist das Nationalmuseum. Dieses Gebäude lag einmal in der Mitte der Demarkationslinie zwischen den Fronten der verschiedenen Milizen und hat eine faszinierende Geschichte, sowohl was die Exponate, als auch die Geschichte des Hauses selbst angeht. Unglaublich, wie erfinderisch ein Museumsdirektor sein kann, wenn es darum geht, sowohl ganz winzige als auch Tonnen schwere Exponate vor Zerstörung oder Raub zu schützen. Absolut empfehlenswert: eine private Führung! Man erfährt so viel mehr als nur über den Flyer – und versteht das absolut sehenswerte Video über das Gebäude und seine Geschichte noch viel besser.

Etwa eine Stunde nördlich von Beirut liegt die pittoreske Hafenstadt Byblos, die nicht ohne Grund ein UNESCO-Weltkulturerbe ist. Seit über 7.000 Jahren ist Byblos ununterbrochen besiedelt und zählt zu den ältesten Städten der Welt. So kann man dort auf schweißtreibende Art erfahren, wie mehrere Städte übereinander gebaut wurden. Ausgrabungen wurden ab Anfang der 1920er Jahre von den Franzosen durchgeführt, laut unseres Führers leider viel dilettantischer als Baalbek von den deutschen Forschern, und daher nicht ansatzweise so gut erhalten. Mein besonderes Highlight: der Blick von den Zinnen der Kreuzritterburg über die gesamte Ausgrabungsstätte und das Meer. Magisch wurde der Moment, als sich in das Wellenrauschen, den Wind und den weit entfernten, leisen Autolärm der Ruf des Muezzin zum Freitagsgebet mischte – als ob wir aus der Zeit gefallen wären.

Wer eine Pause von so viel tollen Steinen braucht, muss nicht weit fahren, um wieder die leichte Seite des Lebens geniessen zu können. Nur ein paar Kilometer weiter nördlich reiht sich eine Strandbar an die andere (mein Tip: „Pierre and Friends„, oder direkt daneben das „Kaptn“). Der Strand ist zwar steinig, aber das Meer sauber, wenig salzhaltig und mit Wellen nie langweilig. Und die Badegäste haben ebenfalls rein optisch einiges zu bieten!
Mein absoluter Lieblingsort aber ist Baalbek. Der Name bedeutet „Stadt Baals“ und bezieht sich auf den Sonnengott, den die Griechen mit ihrem Gott Helios gleichsetzten. Die Provinzstadt liegt in den Bergen, in der Bekaa-Ebene, nicht weit von der syrischen Grenze (übrigens weit und breit keine Unruhe zu spüren, selbst die Checkpoints sehen in ihren weis-roten Streifen und den chattenden oder telefonierenden Soldaten eher harmlos aus) und den in den kalten Monaten beliebten Wintersportorten entfernt (auf unserer Fahrt waren wir zeitweise auf 1.800 m über dem Meeresspiegel). Doch bei unserer Ankunft ist es angenehm warm, die Sonne strahlt ohne zu brennen und es geht eine leichte Brise. Vor mir liegen umgestürzte Säulen, deren Durchmesser größer ist als ich selbst. Wieder einmal stelle ich mir die Frage, wie diese riesigen Steinblöcke bewegt werden konnten und wie viele Menschenleben diese gigantischen Gebäude gekostet haben. So beeindruckt war in nur von den Tempelanlagen vor Selinunte und Agrigent auf Sizilien. Unser Führer rieb uns sofort unter die Nase, dass die deutschen Archäologen großzügig das Ausgegrabene mit in die Heimat genommen haben – und tatsächlich sind Teile von Baalbeks Tempeln im Berliner Pergamonmuseum zu finden.

Ebenfalls sehenswert ist das kleine Museum, das man auf dem Weg Richtung Ausgang schnell mal links liegen lassen könnte. Doch zum einen finden sich dort hoch interessante Fotos vom Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. 1898 in Baalbek (im Bacchustempel hängt sogar noch eine Erinnerungs-Tafel an der Wand). Zum zweiten hat der deutsche Fotograf Herman Burckhardt (versucht den mal zu googeln!) für seine Zeit höchst ungewöhnliche Bilder vom ganz normalen Alltagsleben der Menschen um die Jahrhundertwende gemacht. Auf Ihnen kann man Beduinen, Strassenverkäufer, Tänzerinnen, Verschleierte und viele andere alltägliche Szenen bewundern und sich so ein hervorragendes Bild zur Zeit der Ausgrabungen machen.
Fazit: Dieses Land macht Lust auf mehr. Die Kombination aus Geschichte, Tradition, Moderne, Lebensfreude und Gastfreundschaft geht tief ins Herz. Wir hatten nur vier Tage und konnten in der kurzen Zeit viele Orte nicht sehen, wir haben uns aber alle geschworen, wiederzukommen.

Tips
Restaurants Beirut:
- Abdel Wahab (typisch libanesisch, bodenständig, köstlich)
- Liza (mega-stylisch mit grandiosem einheimischen Essen- unbedingt die gemischte Vorspeisenplatte bestellen)
- Em Sherif (momentan „The place to be“- mindestens ein paar Wochen vorher reservieren)
- Iris (Rooftop-Restaurant, das sich später in eine Bar verwandelt- wir waren erst gegen Mitternacht da, hat völlig gereicht, um uns zu begeistern- großartiger Blick über den Hafen)
- Hotel Albergo (gemütliches Rooftop-Restaurant mit exzellentem internationalen Essen und sehr romantisch) man kann auch sehr gut dort wohnen- hat allerdings seinen Preis
Die ansprechendste Reiseseite im Netz: http://lebanonuntravelled.com
Und die Agentur, die unsere Ausflüge inkl. deutsch sprechendem Führer perfekt und recht kurzfristig möglich gemacht hat: Kurban Travel
PS: Fußball-WM kann man als Deutscher auch herrlich dort sehen, die beiden Lieblings-Manschaften der Libanesen sind Deutschland und Brasilien! Geholfen hat es bekanntlich ja nichts…
