Andris Nelsons und das Gewandhausorchester Leipzig

Wieder so ein Moment, der eigentlich nicht in eine Kulturkolumne gehört: das Gewandhausorchester Leipzig spielt gleich Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 und der ganze, fast bis auf den letzten Platz besetzte Gasteig schweigt in angespannter Erwartung. Die Musiker haben bereits ihre Plätze eingenommen und ihre Instrumente gestimmt. Es betreten die Bühne: Dirigent Andris Nelsons und Pianist Yefim Bronfman. Erster Gedanke: die sehen mit ihrer korpulenten Statur aus wie Vater und Sohn. Zweiter Gedanke: wie kann man als Pianist ein solches Körpervolumen haben!

 

Der zweite Gedanke wird sofort relativiert: es ist völlig egal. Kaum legt er seine Finger auf die Tasten, erklingt eine so sanfte, schwebende und ja zärtliche Interpretation, dass mir ganz schwindelig wird. Ich beneide die Zuhörer, die ihm bei seinem Spiel auf die Hände blicken können, sie müssen fliegen können. Noch immer ist mir nicht ganz klar, wie er diese Geschwindigkeit, diese Geschmeidigkeit und diese Leichtigkeit erzeugt. Dafür kann ich die Augen schließen und mich ganz auf die Musik konzentrieren- und die ist magisch! Dieses Klavierkonzert kenne ich von so vielen Aufnahmen (ich kann mich sogar noch an eine herrlich angekratzte Platte erinnern, die mein Vater gerne mal zum Sonntagsfrühstück aufgelegt hat), aber in diesem Konzertsaal (Akustik-Probleme hin oder her) strömt eine völlig harmonisch aufeinander abgestimmte Perfektion auf mich ein, dass ich mich ganz verliere. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht im Takt mit zu wippen und zu summen… Nelsons dirigiert sein Orchester mit einer Leidenschaft, die in jedem einzelnen Ton zu hören ist. Die Musiker scheinen ihm blind zu vertrauen und lassen sich von seinen präzisen Anweisungen mit offensichtlicher Freude leiten. Man merkt: die Chemie zwischen Pianisten, Dirigenten und Musikern stimmt.

Offenbar sieht es das Publikum genau so, denn der Applaus ist fast schon frenetisch. Ich gehe erfüllt in die Pause und habe zunächst kein Bedürfnis, noch etwas anderes zu hören, stehe ich doch vollends unter dem Eindruck des gerade Gehörten. Zum Glück bleibe ich, denn es folgt Brahms in einer hinreißenden Variante. Hier beweist das Orchester seine Weltklasse. Ich tauche ein in ein Spiel, das anfasst und begeistert.

Am Ende bleiben eine tiefe Zufriedenheit und ein Glücksgefühl, dieses Konzert erlebt zu haben – und die ersten beiden Gedanken, auch wenn die Antwort klar ist.

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