Robert Gernhardt – Reim und Zeit

Gernhardt

Vor Kurzem sollte mein Sohn ein Referat für Religion vorbereiten. Als er sagte, es ginge um Briefe der Jünger an die Gläubigen, schoss mir sofort eine Gedichtzeile von Robert Gernhardt durch den Kopf: „Paulus schrieb den Irokesen: Euch schreib ich nicht, lernt erst mal lesen.“ Mir fiel ein, dass ich irgendwo noch ein kleines gelbes Reclam-Heft mit seinen Gedichten im Regal stehen hatte. Ein paar Minuten später lagen wir beide auf dem Sofa und lachten uns, statt am Referat zu arbeiten, schimmelig.

Robert Gernhardt wurde am 13. Dezember 1937 in Reval, dem heutigen Tallinn, in Estland geboren. Auf den Tag genau 140 Jahre nach Heinrich Heine und ein Jahr vor Heino – auf einen davon war er stolz…

Als seine Abiturprüfung im Fach Deutsch anstand, hatte der spätere Wortkünstler keine Lust, ein Gedicht von Georg Trakl zu lernen, aufzusagen und zu interpretieren. Also schrieb er kurzerhand ein eigenes Gedicht. Und tatsächlich flog der Schwindel nicht auf (wie Gernhard-Experte Bernd Fredrich in der Märkischen Allgemeinen zu berichten weiß).

Seiner Freundin Almut machte Gernhardt mit folgenden Worten einen Heiratsantrag: „Willst du gern hart bleiben oder Gernhardt werden?“ Sie wurde weich.

Gernhardt schrieb auch viele Gedichte und Witze für den Komiker Otto, auch einer meiner hoch verehrten Künstler. Ich liebe diese Art von Gedichten, weil sie durch ihren scheinbaren Nonsens so urkomisch sind, dass man gut von „Lebensrettung durch Todlachen“ sprechen kann. Dabei ist keines seiner Gedichte „sinnlos“, Gernhardt war ein durch und durch politischer Mensch und hatte eine klare Haltung zu den Positionen seiner Zeit. Umso spannender ist es, ihn in der heutigen Zeit zu lesen!

Weitere Tipps:

– „Die Falle„, seine etwas andere Weihnachtsgeschichte (um den Witz für die Kinder zu behalten, höre ich beim laut Vorlesen etwas früher auf)

– „Die Toskana-Therapie„, sein einziges Theaterstück, ist eine herrliche Gesellschaftssatire und eine unterhaltsame Beziehungskomödie

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